Über die spezifische Verschränkung von sinnlicher Evidenz und ideeller Vieldeutigkeit in dem Werk von Ann Besier und der Mystik (Auszug) / Galerie Gruppe 10 Bielefeld / Vortrag 26.04.2008 von:
Dr. T. Torsten Voss / Linguistik und Literaturwissenschaft / Universität Bielefeld

3. Transzendierung und Evidenz im Werk Ann Besiers

Den gewöhnlichen Dingen wird in der Malerei Ann Besiers ein zauberhaftes und derealisierendes Etwas unterschoben, so daß auch diese sich von ihrer materiell-kreatürlichen Beschaffenheit emanzipieren können. Festgelegtheiten werden auf befreiende Weise aufgehoben und in Vielfältigkeiten transformiert. Eine ausgesprochen stark kreativitätsbejahende Selbstdefinition dieses Imaginationsverfahrens und meines Erachtens auch ein explizites Plädoyer für gedankliche Freiheit und Unabhängigkeit findet sich in dem Bild Baumhirte II. Der Kopf als Ort der Fruchtbarkeit, auf dem pflanzliches Wachstum in den verschiedensten Verästelungen gedeihen kann, läßt sich als Allegorie auf die Kreativität an sich rezipieren. So vielfältig wie die Wege der Blätter und Äste mit all ihren Verzweigungen, Abzweigungen und den unterschiedlichen Möglichkeiten von Ausfahrten sind, so unbegrenzt ist das kreative Potential in einem emphatischen Verständnis von künstlerischer Produktivität. Die Aufhebung von Begrenzungen steht im Vordergrund. Letzteres impliziert eine Nähe dieser Malerei zu den Bildern Henri Rousseaus, eines kardinalen Vertreters der sogenannten "naiven Kunst" in Frankreich. Dessen Traumlandschaften, welche die durch den Zivilisationsprozeß meist unmöglich gemachte Verbindung von Mensch und Natur wieder herstellen, so auch in seinem Gemälde Der Traum von 1910 , verweisen auf den verleugneten Ursprung des Menschen und legen dieses quasi Unbewußte bloß. Eine gewisse Sensibilität für die direkte Umwelt ist dafür die Voraussetzung. Der Schriftsteller und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire schreibt über die Arbeitsweise Rousseaus: Er hatte einen so starken Sinn für die Realität, daß er manchmal beim Malen eines phantastischen Themas erschrak und ganz aufgelöst das Fenster öffnen mußte. Diese überfeinerte Wahrnehmung der Umwelt artikuliert sich in ihrer transformierten Darstellung. Dazu muß nicht unbedingt immer ein transzendentes Etwas neu erschaffen werden, sondern ein schon vorhandenes Etwas wird ästhetisch per Metamorphose und Kombination verfremdet und dadurch in seiner wahren Seinshaftigkeit aus dem Verborgenen und Flüchtigen des Alltags hervorgehoben. Es wird dadurch evident gemacht. Die Arbeit Heilige Ziege transportiert diesen Vorgang. Vor einer ornamentalen Blätterlandschaft erfährt das Tier seine Befreiung von seiner Reduktion auf ein reines Nutzwesen. Die zentrale Perspektivierung des Ziegenschädels ermöglicht eine Verschärfung der Wahrnehmung. So wie der blütenprächtige Hintergrund die Ziege entkontextualisiert, ihr ein Umfeld außerhalb der festgelegten Realität verschafft, so eindringlich ist auch der direkte Blickkontakt zwischen ihr und Betrachter. Durch die Verlegung der Augen des Tieres in den Mittelpunkt des Bildes entsteht ein Kommunikationsverhältnis zwischen Objekt und Beobachter, welches in einer von Ablenkungen und Rationalismen geprägten realen Welt kaum vorstellbar wäre. Präsenz und Eindringlichkeit wird durch die Unmittelbarkeit des Blicks erzeugt, welcher durch seine Bannung auf der Leinwand auch ins Beständige ausgedehnt wird und seinem vergänglichen Momentcharakter, welcher der realen Zeitlichkeit entspricht, entzogen, ja emanzipiert wird. Insofern sind die Bilder Ann Besiers in ihrer Aufhebung von Flüchtigkeit auch immer wieder ein Rettungsversuch zu Gunsten von nur allzu oft verlorener Evidenz und Anwesenheit. Versöhnlich mutet daher auch das Großgemälde Miu hat Besuch an. Die madonnenhafte Aufladung der Katzenfigur inmitten einer traumhaften Blumenlandschaft zitiert nicht nur eine zentrale Ikone der Mütterlichkeit, sondern auch des Schutzes und verrät damit ein wesentliches Prinzip dieser Malerei: Schutzräume zu schaffen für individuelle Wahrnehmungen von Welt. Virginia Woolf hat in ihrer Autobiographie Moments of Being diese für die Funktion des Kunstwerks so relevante Tatsache fast schon dogmatisch auf den Punkt gebracht, als sie innerhalb ihrer Wahrnehmung von Welt erkannt: Es gibt keinen Shakespeare, es gibt keinen Beethoven und ganz bestimmt und ganz entschieden gibt es keinen Gott, wir sind die Musik, wir sind das Ding an sich und ich sehe das, wenn ich einen Schock habe. Vom historischen Standpunkt aus gesehen mag Woolf vielleicht Unrecht haben. Schließlich hat es diese Herrschaften ja irgendwie doch gegeben. Stilistisch gesehen hätte sie ihr Verfahren gar nicht anders beschreiben können. Der Künstler selbst schafft die mystischen Ereignisse und bedarf keines metaphysischen oder transzendenten Überbaus. Er macht die Gegenstände sehend.

1 Eine junge nackte Frau liegt auf einer Chaiselongue inmitten einer exotischen Dschungellandschaft.
2 Hajo Düchting (Hg.): Apollinaire zur Kunst. Texte und Kritiken 1905-1918, Köln 1989, S. 223.
3 Virginia Woolf: Augenblicke. Skizzierte Erinnerungen. Aus dem Englischen von Elizabeth Gilbert, Frankfurt am Main 1984, S. 99.